Bereits Monate vor dem neonazistischen „Trauermarsch“ im niedersächsischen Bad Nenndorf (Kreis Schaumburg) hat die rechte Szene mit Aktionen in dem Kurstädtchen begonnen und versucht so, auf den Aufmarsch aufmerksam zu machen. Eine junge Rechtsrock-Band hat zudem einen Song herausgebracht, der die jährlichen Aufmärsche und den Anlass, das ehemalige britische Militärgefängnis im Ort, zum Thema hat. Die Forderung der Geschichtsverdreher bleibt: Eine Gedenkstätte für NS-Verbrecher. Der „Kurparklauf“ blieb im Gegensatz zum Vorjahr von den braunen Läufern verschont.
Blumen legten Neonazis am Freitag, 8. Mai 2009, vor dem Denkmal an die NS-Dichterin Agnes Miegel im Kurpark ab. Den Tag der Befreiung Europas vom Faschismus, der am 8. Mai gefeiert wird, sehen die Rechten als Anfang der „Besatzung“.
Das sogenannte „Ehrenkomitee 8. Mai“ vom „Netzwerk Nord“ gilt neben den lokalen Neonazi-Strukturen um den derzeit inhaftierten Marcus Winter sowie weiteren Führungspersonen der ehemaligen „Nationalen Offensive Schaumburg“ (NOS), die derzeit unter dem Label „Nationale Sozialisten OWL/SHG“ agieren, als Initiator der „Trauermärsche“, die 2006 begannen. Im ersten Jahr marschierten die Rechtsradikalen gleich dreimal auf, zum ersten „Trauermarsch“ kamen etwa 100 Neonazis.
In den Folgejahren ist eine stetig wachsende Teilnehmerzahl zu verzeichnen. 2007 sind es rund 180 Neonazis, im vergangenen Jahr nun über 400. Am Sonnabend, 1. August 2009, kann mit einer hohen dreistelligen Zahl gerechnet werden. Einige Schätzungen gehen gar von 1000 Neonazis aus, die den Weg in den Kurort finden.
Maßgeblicher Mitorganisator ist auch in diesem Jahr offenkundig Thomas „Steiner“ Wulff, der 2008 vor rund 400 Neonazis die Auftaktrede am Bad Nenndorfer Bahnhof hielt. Der Neonazi-Kader aus Norddeutschland, der sich nach einem Waffen-SS-General „Steiner“ nennt, ist neben seinen Tätigkeiten bei den „Freien Kräften“ im Bundesvorstand der NPD tätig.
Der Kurparklauf, an dem sich im zurückliegenden Jahr Neonazis der Kameradschaft „Snevern Jungs“ sowie NPD-Kader beteiligt hatten, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Gegen Extremismus und Gewalt“. Rechtsradikale nahmen nicht teil.
Ein Bürgerbündnis ruft für den 1. August zu einer DGB-Demo auf. Im vergangenen Jahr war die Gegendemo zum neonazistischen Aufmarsch lediglich halb so groß wie der rechte „Trauermarsch“.
Der Wallfahrtsort der Neonazi-Szene, der bereits im vergangenen Jahr
Beim diesjährigen Aufmarsch werden vor allem weitaus mehr Teilnehmer aus dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ im Kurort einfallen. Ob auch sie sich an die strengen Vorgaben halten, die vom Veranstalter verlangt werden, bleibt ungewiss. Da die Demo in Bad Nenndorf nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl liegt, ist im Gegensatz zum vergangenen Jahr auch mit einer starken Beteiligung von NPD-Kadern sowie deren Anhängerschaft zu rechnen. Die Hamburger NPD ruft beispielsweise zum „Trauermarsch“ auf. Aus dem Norden und dem Ruhrgebiet werden zudem Busse mit Neonazis erwartet.
Auf der größten Neonazi-Demo, die jährlich im Februar in Dresden abläuft, wurde bereits für den Bad Nenndorfer Aufmarsch – unter anderem durch junge „Autonome Nationalisten“ aus der Schaumburger Kreisstadt Stadthagen – geworben. Auch in der Elbstadt geht es den Rechten, allen voran die „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“, um Geschichtsrevisionismus. Auch dort werden die alliierten Befreier zu Tätern verklärt.
Dass die Schaumburger Neonazi-Szene nicht nur gute Kontakte zu überregionalen Netzwerken wie dem „Aktionsbüro Norddeutschland“ hat, sondern auch in anderen neonazistischen Organisationen überregional tätig ist, wird deutlich bei der Betrachtung einzelner Personen der Führungsriege.
Ein Neonazi aus Kreuzriehe bei Bad Nenndorf beispielsweise lief bei dem Großaufmarsch in Dresden im Februar dieses Jahres in den vorderen Reihen. Bei der Vorabend-Demo der Neonazis war er als Ordner eingesetzt. Zudem ist der Mann, der Mitglied der NOS war und auch weiterhin in den Strukturen aktiv ist, bei der im März verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“. Unter anderem beteiligte er sich an einem Camp der neonazistischen Gruppe im zurückliegenden Jahr in Ostwestfalen. Weitere Kader der regionalen Szene unterhalten Kontakte zu den straff organisierten „Autonomen Nationalisten“ in Dortmund sowie anderen Neonazi-Banden.
Mobilisierung: Propaganda und Radio-Beitrag
Die hohe Teilnehmerzahl, die in diesem Jahr zu erwarten ist, ergibt sich vor allem aus den hohen Mobilisierungs-Anstrengungen der rechten Szene. Nicht nur Flugblatt-Aktionen auf Demos, sondern auch Info-Stände auf dem „Thüringentag der nationalen Jugend“ in Arnstadt (Ilm-Kreis), bei der neonazistischen Sonnwendfeier in Eschede (Kreis Celle) und selbst auf dem „nationalen Frankentag“ in Nordbayern war das sogenannte „Gedenkbündnis Bad Nenndorf“ mit einem Stand vertreten.
Eine herausgebrachte Broschüre zum Thema unter dem Titel „Gefangen, Gefoltert, Gemordet“ soll die vermeintlichen Hintergründe des Trauermarsches zum „Wincklerbad“, dem Militärgefängnis der Briten von 1945 bis 1947 in Bad Nenndorf, darstellen. Selbst Feuerzeuge und Kugelschreiber bieten die Organisatoren des Aufmarsches mit Werbeaufdruck für die Demo an.
Im „Netzradio Germania“, einem aus Baden-Württemberg betriebenen rechtsradikalen Webradio, präsentierte sich das „Gedenkbündnis“ in einer einstündigen Werbesendung zum „Trauermarsch“. Weitere
Bereits kurze Zeit nach der Demo am 2. August 2008 in Bad Nenndorf nahm die Band „Libertin“ einen Song auf, der das „Wincklerbad“ zum Thema hat und für den „Trauermarsch“ wirbt. Die neue Gruppe, die aus dem Ruhrgebiet stammt, trat unter anderem beim „Thüringentag“ sowie bei einem Konzert in Osteuropa auf.




