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Gedenken an NS-Dichterin Miegel

22. Oktober 2008

Knapp 20 Gäste haben sich zum Gedenken an Agnes Miegels am Grab im niedersächsischen Bad Nenndorf zum 44. Todestag der Dichterin versammelt. Trotz ihrer Lobeshymnen auf Adolf Hitler wird der glühenden Anhängerin des Nationalsozialismus noch heute gedacht. Die „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ (AMG), die von „heimatvertriebenen“ Ostpreußen ins Leben gerufen wurde und heute rund 600 Mitglieder umfasst, sorgt sich um die „literarischen Schätze“, die Miegel hervorgebracht hat. Ein Agnes-Miegel-Haus, ein Denkmal im Stadtpark sowie das Grab erinnern an die Hitler-Verehrerin.

Ein Gast der Gedenk-Veranstaltung an Miegels Grab auf dem Bergfriedhof am Sonnabend, 25. Oktober 2008, warf Sand aus Ostpreußen auf die Ruhestätte. Mitgebracht hatte die rüstige Dame den Sand von der Küste in einer Bierflasche der Marke „Königsberg“. Die AMG hat einen Kranz niedergelegt, die Vorsitzende, Marianne Kopp, berichtet über Miegel und andere Ostpreußen. Kein Wort über ihre Mitgliedschaft in der Partei, die für den Mord an sechs Millionen Juden verantwortlich war, kein Wort über die Sympathien Miegels zu Adolf Hitler. Ostpreußische Volkslieder wie „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ werden zu Ehren der 1964 in Bad Salzuflen verstorbenen Schriftstellerin gesungen. Anschließend geht es weiter ins „Hotel Hannover“, in dem häufig Veranstaltungen der AMG organisiert werden. Die Rezitatorin Petra Czarnetzki liest dort aus einer Miegel-Erzählung.

Miegel gilt als „Mutter Ostpreußens“. Ihre Gedichte deuten stark auf die NS-„Blut- und Boden“-Ideologie hin, wie auch konservative Lexika feststellen. 1933 wird Miegel in die „Akademie der Künste“ berufen. 1939 erhielt Miegel das Ehrenzeichen der Hitlerjugend, 1940 trat sie der NSDAP bei.

Drei Gedichte sind Adolf Hitler gewidmet, in denen Miegel ihre Verehrung gegenüber dem Diktator ausdrückt. Im Gedicht „Danzig“ begrüßt Miegel die „Heimholung“ ehemals deutscher Gebiete, wie die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) feststellt. Die Erzählung „Besuch bei Margret“ aus dem Jahr 1943 werde laut VVN der Kategorie „Rassezüchtung, Vererbungslehre und Rassismus“ zugeordnet.

Miegel hat sich nie vom Nationalsozialismus distanziert. In Bad Nenndorf wurde sie zur Ehrenbürgerin ernannt – ein Status, der ihr bis heute nicht abgesprochen wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb Miegel auch für die neofaschistische Zeitschrift „Nation Europa“. Das Organ wurde 1951 durch den SS-Sturmbannführer Arthur Ehrhardt und den SA-Mann Herbert Böhme gegründet.

Die AMG stellt die Dichterin heute als vom NS geblendete Frau dar, die nie begriffen habe, „wie das NS-Regime sie für seine Ziele und Zwecke instrumentalisiert“ hat. „Agnes Miegel war nie ein politisch denkender Mensch“, so der Verein. Fest steht jedoch, dass sie freiwillig in die NSDAP eingetreten ist.

Bad Nenndorf im Landkreis Schaumburg steht bei Geschichtsfälschern hoch im Kurs. Neben den jährlichen Neonazi-Aufmärschen treffen sich hier Mitglieder der revanchistischen „Landsmannschaft Ostpreußen“. Ein Großteil der Miegel-Anhänger bilden ebenfalls „Vertriebene“. Die „Kreisgemeinschaft Wehlau“, laut Satzung ein „korporatives Mitglied“ der „Landsmannschaft Ostpreußen“, organisiert ihr jährliches Treffen in dem Kurort.

Von Seiten der Bevölkerung regt sich weder gegen die neofaschistischen „Trauermärsche“ noch gegen die Veranstaltungen der Revanchisten Widerstand. Die Stadt wirbt öffentlich mit dem „Agnes-Miegel-Haus“. Bad Nenndorfs Stadtdirektor Bernd Reese (SPD) ist in Zusammenhang mit Protesten gegen Miegel um einen Imageschaden für den Ort besorgt. Offenbar dieselbe Begründung veranlasste Reese dazu, die Forderung von Neonazis erfüllen zu wollen und eine geschichtsrevisionistische Gedenkstätte zu schaffen.

Dass es auch anders laufen kann, zeigt ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen. In Heiden bei Borken ist die Agnes-Miegel-Straße im Juni dieses Jahres in Nelly-Sachs-Straße umbenannt worden. Als 1991 für den Namen der Straße gestimmt worden war, sei nicht bekannt gewesen, dass Miegel eine „bekennende Verehrerin nationalsozialistischen Gedankenguts“ war, so die „Borkener Zeitung“. Dieser Fehler wurde nun behoben. Sämtliche im Gemeinderat vertretende Parteien, auch die CDU, stimmten für die Umbenennung, die von den Grünen beantragt wurde.

Der wegen seiner antisemitischen Äußerungen in der Kritik stehende Komponist Hans Pfitzner wird von Miegel-Anhängern offenbar ebenfalls nicht als Nationalsozialist eingestuft. Auf einer der Internetseiten der AMG wird ein Brief eines Archimandrit Irenäus Totzke veröffentlicht, der – wie auf der Website nachzulesen ist – „vor einigen Jahren einen Agnes-Miegel-Liederzyklus komponiert“ hat. In dem Schreiben heißt es, dass „eine kleine Clique von – bezeichnenderweise musikunkundigen – Kritikern“ nicht müde werde, „ihm seine Sympathien für das 3. Reich zu verübeln“. Und: „In Wirklichkeit war Pfitzner aber kein Nazi, sondern ein Deutschnationaler, der unter dem Diktat von Versailles litt.“ Totzke hofft, dass ähnlich wie bei Pfitzner auch die Aufklärung über Miegels NS-Verherrlichung abebben wird.

Im März dieses Jahres formierte sich erstmals Widerstand gegen den „Agnes-Miegel-Kult“ in dem etwa 10 000 Einwohner zählenden Kurort bei Hannover. Eine Demonstration, die sich „gegen Opfermythen und Revisionismus“ richtete führte während der alljährlichen „Agnes-Miegel-Tage“ durch die Innenstadt. Die Polizei schirmte das Hotel, in dem die Veranstaltung durchgeführt wurde, ab. Eine Gruppe Neonazis, darunter auch NPD-Mitglieder, wollte eine Gegendemonstration anmelden, die jedoch untersagt wurde. So gelang es lediglich einem „Anti-Antifa“-Trupp nach Bad Nenndorf zu gelangen.

Unter den drei teilweise vermummten Neofaschisten befand sich auch Christian Müller, der mit einer Videokamera die antifaschistische Demonstration filmte. Müller war nach Haftantritt Marcus Winters als Versammlungsleiter für den neonazistischen „Trauermarsch“ im August – ebenfalls in Bad Nenndorf – eingesprungen. Der in Schaumburg wohnende Rechtsradikale hat offenbar die Rolle der Leitfigur in der Schaumburger Neonazi-Szene übernommen, während die beiden Kader Winter und Arvid Strelow im Gefängnis sitzen.

Kategorie: Allgemein

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